Flugzeug-Doppeldecker Notlandung 1917

Aus der Gründerzeit des RGZV Algermissen:

Nach der Notlandung vor 100 Jahren gab der Hund des Nachtwächters dem Flieger den Rest

Beim Überlandflug von Braunschweig nach Hannover-Vahrenwald musste Pilot Daniel Lange aus Groß Düngen mit seinem zweisitzigen Albatros-Doppeldecker bei Algermissen notlanden. Spektakuläres spielte sich dort ab, fast drei Wochen lang, für die Bevölkerung schon Sensationelles. Der Nachtwächterhund von Ernst Rofkahr riss nämlich des Nachts die Tragflächen kurz und klein. Die waren damals noch mit Leinen bespannt. Das geschah im Kriegsjahr 1917.

Die Maschine landete auf einem Acker im „Hohen Feld“ vom Halbspänner und Gemeindevorsteher Andreas Willers in Klein Algermissen in der Nähe des heutigen Stichkanals, der allerdings erste einige Jahre später entstand. Nicht weit davon lag auch die Fundstelle der 2000-jährigen Brunnenanlage, heute im Algermissener Heimatmuseum.

Von diesem besonders aufregenden Flug berichtete später der Pilot Lange. Der stammte aus einer Familie mit elf Kindern aus Groß Giesen. Sein Freund August Lange aus Rinteln saß mit ihm im Doppeldecker. Pilot Daniel Lange war 24 Jahre alt und wies voller Stolz auf seinen Flugzeugführerschein für Zweidecker. Den hatte er schon so jung in der Tasche. Allerdings fehlte ihm noch eine von 14 erforderlichen Bedingungen.

Die wollte er bei seinem ersten Überlandflug von Hannover nach Braunschweig nachholen. Hierfür hatte er bis zu drei Stunden Zeit. Dann musste der Pilot ohne Zwischenfall wieder am Ausgangs-Flughafen in der Varenwalder Heide nördlich von Hannover gelandet sein. Für den ursprünglich mitfliegenden Leutnant waren bereits Vorbereitungen getroffen und Sandsäcke an Bord gebracht worden, als in letzter Minute vor dem Abflug Freund August Lange um den Mitflug bei Daniel Lange anheuerte.

Der hätte an diesem Tag um 13 Uhr Wachablösung antreten müssen. Keiner von beiden ahnte, dass bei diesem Flug alles schiefgehen könnte.

Zunächst klappten Hin- und Rückflug gut. Doch dann stellte der Pilot Lange fest, dass im Raum Hildesheim die Umdrehungszahl des Benzinmotors immer tiefer fiel. Den beiden Insassen war klar, dass nur eine Notlandung sie vor einem Absturz bewahren konnte.

Zunächst wollten beide in Daniels Heimatort Giesen landen. Doch dann entschlossen sich beide, schon bei Algermissen herunterzugehen, weil dort sein Freund als Lehrer tätig war. So kam es zu der Notlandung auf der Willerschen Koppel. In der Nähe steht heute eine Photovoltaik-Anlage.

In der Nähe war Bauer Willers mit Feldarbeiten beschäftigt. Der Gemeindevorsteher beobachtete die Notlandung und nahm die Gestrandeten in Empfang. Beide folgten seiner Einladung, mit auf den Hof in Klein Algermissner zu kommen, heute die Alte Straße. Seine Frau Elisabeth Willers servierte ein echtes Bauernfrühstück. Andreas Willers meldete die Notlandung telefonisch der Kommandantur auf dem Flughafen Hannover. Am anderen Ende verstand man nicht Algermissen sondern Edemissen - das bekanntlich bei Peine liegt.

Ein Monteur fuhr dorthin und fand natürlich kein Flugzeug. In Algermissen wartete man vergebens mehrere Tage lang auf die Hilfe. Erst eine Woche später tauchte ein Fachmann nach wiederholtem Anruf auf. Die zwei gestrandeten Flieger hatten sich längst im Gasthaus Ringe einquartiert. Dort fühlten sich aber beide nicht so richtig wohl, weil dort ein Gefangenenlager mit französischen Kriegsgefangenen untergebracht war. Der frühere Rektor Josef Güldener vermittelte daraufhin ein Privatquartier auf dem Hof von Engelke-Ernst an der Langen Straße. Dort gefiel es den beiden Pilotenausgezeichnet.

Der Defekt am Doppeldecker-Kühler ist an Ort und Stelle auf dem Notlande-Acker beseitigt worden. Nach einer Woche sollte dann der Rückflug nach Hannover starten. Das Wetter spielte aber nicht mit. Inzwischen hatte die Gemeinde für die Nachtwache am Flugzeug ihren damaligen Nachtwächter Ernst Rofkahr bestellt. Dessen Mischlingshund, den er mit langer Leine hinten am Flieger festband, betrachtete dieses offenbar als sein Spielzeug. Die Dämpfungsflächen bestanden damals aus Leinen - und davon ließ der Hund nicht viel übrig.

Wieder musste aus Hannover-Vahrenwald ein Fachmann angefordert werden. Weitere Tage vergingen, weil die frisch geklebten Dämpfungsflächen nach den geltenden Reparaturvorschriften erst gründlich trocken müssten. Als dann abermals ein Abflug bevorstand, zog wieder schlechtes Wetter auf.

Die beiden Piloten hatten sich inzwischen im Dorf bestens eingelebt. Auch mit den Damen schlossen sie gute Bekanntschaften. Hunderte Einwohner pilgerten zur Flugstelle in der Feldmark, als der Flieger wieder starten sollte. Endlich hob der Doppeldecker vom Feldweg ab. Zunächst drehten die beiden Piloten die vorgeschriebene Ehrenrunde. Doch dann nahte das nächste Drama.

Pilot Daniel Lange konnte seine Flugrichtung nicht feststellen. Schaute er nach oben, sah er in den hellen Himmel, sah er nach unten, erkannte er nur dunkle Landstriche.

Auch der Benzinanzeiger zeigte einen niedrigen Stand an. Sollte jemand auf dem Acker Benzin abgezapft haben? Beide Flieger schwebten in Todesängsten. Die weißen Kalkberge der Zementfabrik Misburg waren ihre Lebensretter. Sie wiesen den Weg zum Flughafen Hannover-Vahrenwalder Heide.

Obwohl der Flughafen in völliger Dunkelheit lag, klappte die Landung gut. „Das war mein aufregendster Tag in meinem Leben“, verriet viele Jahre später der Schlossermeister Lange. Bis im Alter trug Daniel Lange seinen Flugzeugführerschein bei sich. „Mein Freund bekam damals 14 Tage Knast und wurde dann nach Essenbüttel/Aller versetzt. Ich bin dem Schrecken davongekommen.“ Pilot Daniel Lange ruht auf dem Friedhof in Groß Düngen.

Text und Archiv-Bilder von Gerhard Schütte

Bildunterschriften:

 

Notlandung eines Albatros-Doppeldeckers auf dem Acker vom Landwirt und Gemeindevorsteher Andreas Willers in Klein Algermissen. Spektakuläres spielte sich ab, fast drei Wochen lang. Für die Dorf-Bevölkerung eine Sensation.

Nachtwächter Ernst Rofkahr. Sein Hund riss Teile des gestrandeten Doppeldeckers in Fetzen.