Hochburg des Hannoverschen Tümmlers

Hochburg des Hannoverschen Tümmlers

von Gerhard Schütte

Es gibt drei Tierarten, die den Namen der niedersächsischen Landeshauptstadt tragen: das Hannoversche Pferd, der Hannoversche Schweißhund und der Hannoversche Tümmler. Der Hannoversche Tümmler ist ein Soloflieger, der bis zu mehreren Stunden in einer Höhe fliegt, wo er mit dem Auge nur noch als Punkt zu erkennen ist. Algermissen zählte zur Hochburg dieser Tauben. Das war zur Kaiserzeit. Heute gibt es nur noch einige wenige Züchter, die sich mit dem Hochflugsport befassen. Der Hannoversche Tümmler ist im Laufe der Jahrzehnte nach und nach als reine Ausstellungstaube gezüchtet worden.


Von den vielen deutschen Taubenrassen gilt der Hannoversche Tümmler als einer der traditionsreichsten. Seine Wurzeln führen weit zurück und werden im indischen/persischen Raum vermutet, als von dort über die Seefahrer Tümmler-Tauben nach England und den Niederlanden gelangten. Da das Englische und Hannoversche Königshaus eine enge Beziehung hatten, gelangten die Tiere nach Hannover. In der Provinz Hannover ist der alte Hannoversche Tümmler als konstante Rasse gezüchtet worden. Das berichtete die Geflügel-Börse am 11. Januar 1898. Man kann es sich heute kaum vorstellen, dass über Hannover, Celle und Hildesheim einst viele Tauben flogen, die in erster Linie von den kleinen Leuten, vornehmlich von den Handwerkern gehalten wurden. Die hatten ihre Freude am Flug dieser Tauben. Die Celler Tümmler hatten rote Augenränder, die Hannoverschen weiße Augenränder. Später gingen diese lokalen Unterschiede immer mehr in eine Rasse, die des Hannoverschen Tümmlers, auf. Zum gleichen Zeitpunkt kannte man auch in anderen Städten ähnliche Flugtümmler, in Kassel, Braunschweig und Magdeburg. Auch in der alte Weberstadt Krefeld flogen schwarze und blaue Weißschlagtümmler, die allerdings purzelten. Um 1860 erlebte die Rasse des Hannoverschen Tümmlers ihren Höhepunkt, natürlich als Flugtaube, obwohl auf rassetypisches Aussehen damals bereits geachtet wurde. Das Ziel der Fliegerei war der Soloflug.

Vielleicht zum richtigen Zeitpunkt gründeten in Hannover 1900 Züchter und Liebhaber dieser Rasse den „Allgemeinen Verein der Züchter Hannoverscher Hoch- und Soloflieger“. Und gleich danach, 1901, folgten weitere Sondervereine in Hildesheim und in Algermissen. Die Rasse blühte kurze Zeit auf. Kollektionen von 80 bis 100 Tauben meldeten Anfang des 20. Jahrhunderts die Junggeflügelschauen in Hannover. Mit Theodor Meyer stellte Algermissen den damals wohl bekanntesten und auch erfolgreichsten Züchter der Hannoverschen Tümmler mit mehreren nationalen Siegertiteln. Wegen der politischen Änderungen gibt es seit 1934 nur noch einen Sonderverein der Hannoverschen Tümmler. Edmund Willerding errang das Reichssiegerband. 

Vom Rückgang ganz erholen konnte sich die Rasse nach dem Krieg nicht, weil die Glanzzeit der Flugliebhaberei vorbei war. Das lag natürlich daran, dass der Hannoversche Tümmler eine lokale Rasse geblieben ist. Lediglich die Rotaugen waren außerhalb ihrer Heimat, an der Ostseeküste, beliebt. Ein Neuaufbau musste mit Einkreuzen von Bremer Tümmlern gestartet werden. Von jeher war der „alte“ Hannoversche Tümmler ein Weißschlagtümmler  gewesen. Nun wurde mit Hilfe des niederländischen „Hagenaar“ eine kräftige Tümmler-Taube mit reinen Perlaugen auch die weißen Hannoverschen Tümmler geschaffen. Der Sonderverein der Züchter des Hannoverschen Tümmlers zählt derzeit knapp 50 Mitglieder. Eine Musterbeschreibung dieser Rasse existiert seit 1902.