Die „Algermissener Hafermastgans“

Die „Algermissener Hafermastgans“

von Gerhard Schütte

Bereits die alten Ägypter würdigten ihre heiligen Gänse, hielten sie in Tempeln und brachten sie als geliebten Gänsebraten auf den Tisch. Der wird auch heute noch von den Menschen geschätzt - und ganz besonders zum Weihnachtsfest. Die Romantik der Gänsemast ist nach rund 150 Jahren vorbei. 130 000 Gänse sollen es einmal in der Zeit um die Jahrhundertwende bis Ende der 1920er Jahre gewesen sein. Damals gab es im Ort Familien, die Zehntausende von Gänsen mästeten: Ingelmann, Reeke, Ernst, Algermissen, Böker und Weiterer. Junggänse kauften die Algermissener in den Anfangszeiten auch im Eichsfeld rings um Duderstadt auf. Von den Dörfern der „Goldenen Mark“ trieb man die Jungtiere auf teils längeren Wegstrecken zu einem günstig gelegenen Bahnhof zum Verladen. Gleichzeitig aber trat von hier aus ganz nebenbei aufgekauftes Junggeflügel den Weg in das „Gänsedorf“ an.

 

Reichsbahn baute Gänsebahnhof

 


Bis in die 1980er Jahre hinein hat sich die Familientradition beim Mastbetrieb von Heinrich Weiterer in der Mühlenstraße noch gehalten. In der letzten noch funktionsfähigen „Rupfstube“ saß der Seniorchef persönlich mit einigen Frauen.

Gekonnt befreiten sie eine Gans nach der anderen von den Federn. Geflügelzucht ist in der großen Weiterer-Familie Tradition. Ururgroßvater Andreas-Christoph bestritt seinen Lebensunterhalt mit der Schneiderei und mit dem Handel von Federvieh. Gänse spielten bei ihm schon damals eine bedeutende Rolle. Sein Sohn Heinrich war es dann auch, der 1875 „Weiterers Hafermastgans“ offiziell auf den Markt brachte. Als die Einkünfte dort nicht mehr ausreichten, um der Nachfrage aus vielen Städten nachzukommen, bezogen die Gänsemäster ihre Jungtiere sogar aus dem Ausland. Gänse aus Russland kamen seit 1880 über den alten Magerviehhof Rummelsburg, der einen eigenen Gänsebahnhof mit rund 3 Millionen Gänsen an Jahresumsatz hatte, und nach 1902 über den neuen Magerviehhof Friedrichsfelde bei Berlin nach Algermissen.

   Die Reichsbahn baute am Kranzweg in Algermissen sogar einen eigenen Gänsebahnhof. Ein jedes Jahr rollten vornehmlich im September die Gänsezüge an. Am Gänsebahnhof hängte man die Fracht aus Europas Osten ab. Sie wurden auf der eigens dafür erbauten „Gänserampe“ auf die Wagen der verschiedenen Mäster verladen. Oft trieb man das Federvieh auch in großen Pulks durch die Dorfstraßen zu den Stallungen. Die Gänse machten einen gewaltigen Lärm. Dennoch kam kein Einwohner auf die Idee, das Geschnatter der Tiere als störend zu empfinden. Letzten Endes brachten die Gänse auch das Geld. 

 

Am „Gänsebahnhof“ kommen weitere Junggänse an. Im Hintergrund qualmt     der Schornstein der Zuckerfabrik.

Gänse standen schon immer hoch im Kurs. Auch die Junggesellschaft-Schützenscheibe von 1907 ehrte die Tiere mit einem Ehrenplatz.

Gänse-Pulk vor dem Gasthaus Karl Weiterer an der Marktstraße in den 1920er Jahren. Auch heute steht hier das „Gänseessen“ traditionell ganz oben an. 

Der letzte Algermissener Gänsemäster, Heinrich Weiterer aus der Mühlenstraße im früheren Klein Algermissen, setzte seine geschlachteten Tiere hauptsächlich in Hannover und Hildesheim um. Nach dem Schlachten wurden die Tiere von Hand gerupft. Die großen Flügelfedern gingen als Schmuck - meistens für Indianerhauben der Kinder - weg. Eine Rupf-Maschine trat in Aktion. Damit sind die kleinen Federn entfernt worden. Die feinen Brust- und Rückenfedern kamen in die Wäscherei und sind später dann zu Daunenkissen verarbeitet worden. Um die letzten Fusseln noch zu entfernen, ist die Gans noch einmal in flüssiges Wachs getaucht worden. Damit ging es auch den allerletzten Stoppeln beim Fertigmachen einer jeden Hafermastgans an den Kragen. Wehmut mag einen befallen, wenn man sich von der alten Generation erzählen lässt, dass zum Beispiel um die Jahrhundertwende der Urgroßvater Weiterer einen Pulk gemästeter Gänse nach Hannover trieb. Heute kommen lebende Gänse nicht mehr auf den Markt. Fein säuberlich liegen die Tiere auf dem Verkaufstisch. An einem Bein baumelt das Preisschild mit genauer Gewichtsangabe. Ein Hauch Algermissener Hafermast-Romantik ist bis auf den heutigen Tag geblieben: Eine Gans aus der Röhre schmeckt wie eh und je, vorausgesetzt, sie wird richtig zubereitet!

Die Familie der „Rupf-Frauen“ in der Gänsemästerei der Familie Andreas Weiterer.


Metall-Trio erinnert an die Gänsezeit

Auch die Gänse haben ihr Denkmal. Die gehörten schließlich über Jahrzehnte lang zum Dorfleben dazu. 130 Gäste kamen zur feierlichen Einweihung des Gänse-Brunnens, der den Tieberg schmückt. Der Entwurf stammt von Johannes Weiterer, Gastwirt in Algermissen, Reinhard Uters hatte ihn umgesetzt. Gestiftet hat die Anlage das Tiefbauunternehmen Bettels, das seinen Sitz über Jahrzehnte in Algermissen hatte. „Ein Dankeschön an die Algermissener soll der Brunnen mit den Gänsen sein“, sagte Dieter Bettels bei der Einweihung. Das Unternehmen habe nach Hildesheim umziehen müssen, weil das Gelände im Ort zu klein geworden war. Mit dem Brunnen solle etwas bleiben und die Verbundenheit der Firma zu Algermissen ausdrücken. Ortsbürgermeister Heinrich Kreipe erinnerte an die Bedeutung der Hafermastgänse in früheren Jahrzehnten. Bürgermeisterin Ursula Ernst verwies auch auf die lange Geschichte des Tieberges hin. Hier lag gewissermaßen die Keimzelle des Dorfes. Die erste Siedlung entstand in diesem Bereich. Das Haus hinter der Brunnenanlage ist 1772 gebaut. In einem kleinen Kellerraum soll in früheren Zeiten das Gefängnis untergebracht gewesen sein. Feuerwehr-Musikzug sorgte für einen würdigen Rahmen. In den Gesprächen rundum ging es bei den Gästen vor allem um die große Zeit der Gänse. Die ist zwar schon lange vorbei, doch manch älterer Algermissener konnte sich noch gut an sie erinnern. Heute ist die Romantik der Gänsemast vorbei. Die Gedenkstätte am Tieberg soll einen Hauch dieser Romantik auch für die Zukunft noch erhalten.

Diese Gänse fühlen sich im Gartengelände beim Landwirt und dem RGZV-Mitglied Joachim Willers so richtig wohl.

So machte Sophie den Braten


 Noch mit 87 Jahren kannte sich die Seniorchefin des Gasthauses Weiterer, Sophie Weiterer, in der Kunst des „Gänsebratens“ bestens aus. Schließlich mästeten auch diese Weiterer von der Marktstraße in den eigenen Stallungen bis Anfang der 1970er Jahre die begehrten Algermissener Hafermastgänse. „Am besten schmecken immer noch die Sommergänse“, wusste die erfahrene Köchin zu berichten. „Die Gössel hiervon schlüpfen noch bis zum Jahresanfang“. Meistens waren die Gänse dann bis zu Pfingsten fertig, etwa zehn bis zwölf Pfund schwer. Die Nachfrage nach „Weiterers Sommergänsen“ war groß, die kamen meistens aus Berlin. Ihr Sohn Karl verriet noch zu Lebzeiten einige der Hausrassen, die bis vor gut 40 Jahren auf ihrem Grundstück gemästet wurden: Diepholzer, Bayerngänse (aus dem Bayerischen Wald) und Westfalengänse aus Geseke. Nur für die eigene Familie mästete er bis zuletzt die Diepholzer. Vereine und Gesellschaften schätzten wie schon vor Jahrzehnten den Gänsebraten bei Sophie Weiterer. Wie viele zig-tausend dieser Gänse sie schon tafelfertig zubereitet hatte, ist nicht festzustellen. Ihr Rezept lautete damals: Jede Gans von innen und außen mit Salz einreiben. Wenn das Tier im Backofen auf dem Rost liegt, Bratensaft in die Fettfangschale füllen und unter mehrfachem Begießen und Wenden so lange braten, bis das Fleisch weich ist. Wichtig: Dann die Gans mit kaltem Wasser bespritzen, damit sich die Kruste gleichmäßig bräunt und knusprig und glänzend wird. Sophie verriet in ihrer Küche noch, was die Gänsefeinschmecker wünschen: Stets füllte sie die Gans mit Apfelspalten und Rosinen, des Aromas wegen. Und wenn sie dann goldbraun und duftend auf den Tisch kam, machte sie auf dem ausgebufftesten Gourmet Eindruck. Weitere Delikatessen waren außerdem „Gänsebrust in Sauer“ und „ausgelassenes Gänseschmalz“, serviert mit Harzer Käse, früher war es der original „Harsumer Käse“. Im Nachbardorf Harsum gab es in der Hochphase insgesamt 43 Käsereien, wie nirgendwo anders in Deutschland.  

Die Mitglieder der örtlichen und auswärtigen Vereine schwärmen in der Zeit vor Weihnachten von solchen Gänsespezialitäten. Mit dieser Romantik ist es also doch noch nicht ganz vorbei. „Gänseessen“ gehört auch heute noch in den Monaten November und Dezember zu den Attraktionen im Gasthaus Weiterer an der Marktstraße.

 

Erstaunlich, …haben im „Gänsedorf“ stets Vorfahrt. Diese Gänse watscheln durch den dicksten Verkehr. Über solch seltene Ereignisse freuen sich die Autofahrer und legen dafür gern einen Stopp ein.   

 

Ein Pulk von Pommerngänsen überquert die Eisenbahnbrücke mitten im Ort.

 

Im Parademarsch auf in die Wiese über die Dorfstraßen.